Giorgio La Pira

Kommunalpolitiker; Oberbürgermeister von Florenz
Geburtstag: 9. Januar 1904 Pozzallo

Todestag: 5. November 1977 Florenz

Berufe: Prof. f. Röm. Recht, Kommunalpolitiker, Abgeordneter

Geburt
Giorgio La Pira wurde am 9. Januar 1904 in Pozzallo. Nach der Maturitätsprüfung studierte er in Florenz Rechtswis­senschaften und habilitierte sich anschließend an der gleichen Universität als Dozent für Römisches Recht. 1934 setzte er sich gegen die übrigen Bewerber um den Lehr­stuhl für Römisches Recht durch und wurde 1937 zum Ordinarius ernannt. In diesen Jahren der faschistischen Herrschaft beschränkte sich La Pira auf seine wissenschaft­liche Arbeit und publizierte ab 1939 „Prinzipien“, eine Zeitschrift gegen den Faschis­mus und Rassismus, verbunden mit der Zielsetzung, die Werte der menschlichen Person und der Freiheit zu verteidigen. Auf diese Weise unterstützte er geistig den Widerstand gegen Mussolini. 1940 verboten die Faschisten diese Zeitschrift. 1943 wurde La Pira von der Geheimpolizei gesucht. Er konnte der Festnahme entkommen.

La-Pira in der Politik
Nach dem Sturz Mussolinis und der Wiederbelebung der parlamentarischen Demokra­tie schloss sich La Pira der Democrazia Christiana unter Alcide de Gasperi an und wurde 1946 für einen Wahlkreis von Florenz in die Deputiertenkammer (Montecitorio) gewählt. 1948 war er Unterstaatssekretär (vgl. mit Staatssekretär in deutschen Ministerien) im Arbeitsministerium des 6. Kabinetts de Gasperi. In dieser Zeit waren in Italien wie auch in Frankreich schwere soziale Unruhen an der Tagesordnung.

Das Weltbewusstsein La-Piras
Schon zu dieser Zeit verfolgte La Pira das politische Geschehen auch ausserhalb der Grenzen seines Landes. Er wuchs mit allem Einsatz für die Politik vor Ort zugleich stetig ins weltpolitische Engagement.

1951 intervenierte La Pira z. B. bei Stalin zugunsten des Friedens in Korea. Der Duali­tätscharakter von Ortsgebundenheit und Weltbewusstsein verlief wie ein roter Faden durch sein gesamtes Wirken: im gleichen Jahr wurde er als Nachfolger des Kommu­nisten Fabiani zum Oberbürgermeister von Florenz gewählt.

La Pira gehörte zu den Vorkämpfern des sozialen Programms der Christlichdemokratischen Partei (Democrazia Cristiana, DC), und stammte wie Fanfani und Dossetti (er trat später in den Orden der Prämonstratenser ein) aus der Gruppe jener von Anfang an nach links orientierten Katholiken, die innerhalb der DC erheblichen Einfluss gewinnen konnten. Obwohl La Pira später nicht mehr der DC angehörte, sah der linke Flügel dieser Partei in ihm einen seiner geistigen Väter und die leitenden Funktionäre der DC hoben ihn in den folgenden Jahren wiederholt auf den Sessel des Stadtoberhaupts von Florenz. Dies geschah nicht zuletzt wegen seiner aussergewöhnlichen Beliebtheit in der Bevölkerung. Man nannte La Pira einen „politischen Mystiker“, der den Dialog mit dem Kommunismus förderte. Er gilt damit als einer der Vordenker des während der siebziger Jahren intensiv debattierten compromesso storico. Die Kommunisten hielt er für bekehrenswert, die Liberalen und Sozialisten dagegen für unbelehrbar.

Besonders bekannt wurde La Pira durch sein Eingreifen während der Krise der Pignone – Textilwerke in Florenz im Dezember 1953. Damals weigerten sich die 1750 Arbei­ter der Fabrik, dem Schliessungsbefehl Folge zu leisten. Statt die Machtmittel des Staates gegen die Arbeiter einzusetzen, versorgte er sie mit Nahrung und Decken und setzte es schliesslich durch, dass die Werke vom Staat unterstützt wurden. In diesem Zusammenhang bleibt das erfolgreiche Gespräch mit Enrico Mattei, dem Gründer der ENI, erwähnenswert. In ähnlicher aufsehenerregender Weise löste er das Obdachlosen-Problem, indem er leerstehende Villen und Häuser zu ihrer Unter­bringung requirierte. Diese und ähnliche Akte führten zu starker Polemik gegen La Pira‘ nicht zuletzt in den Reihen der eigenen Partei.

La Pira beschränkte seine Tätigkeit keinesfalls(wie oben erwähnt) nur auf die Kommunalpolitik. Er betrachtete das Geschehen in der ganzen Welt sehr intensiv und unternahm Schritte, wo er es für dringend notwendig hielt, insofern er unzählige an­derweitige Engagements mit seinem Amt vereinbaren konnte.

So regte La Pira mitten im entstandenen Kalten Krieg die „internationalen Begegnungen für den Frieden und für die christliche Zivilisation“ an.

Mit der Bibel in der Hand
Mit der „Bibel in der Hand“[er war völlig durchdrungen von der Paulinischen Spiritua­lität] versuchte der phantasiereiche Mann auch über die Grenzen des Landes hinaus „für Alle Alles zu sein“. Er setzte sich in Verbindung mit Chruschtschow, Nehru, spä­ter mit U Thant, Tito, Golda Meir, Kissinger und viele andere und machte seine Stadt zeitweise zum Mittelpunkt einer „Weltfriedensbewegung“.

Er veranstaltete ab 1954 jährliche Kongresse, in denen er in Florenz West und Ost, Asiaten, Afrikaner, Europäer und Amerikaner um einen Tisch (Prinzip des Runden Ti­sches) versammelte und damit auch echte internationale Erfolge hatte.

Obwohl im August 1956 mit großer Mehrheit wiedergewählt, trat er schon im April 1957 von seinem Posten zurück, als er durch Austritt zweier Stadträte seiner Fraktion gezwungen werden sollte, die Nenni-Sozialisten an der Koalition zu beteiligen. Er liess sich von Momenten extremer politischer Frustration niemals in die Resignation bezwingen. Ganz im Gegenteil! Jede Niederlage bedeutete für ihn den erneuerten (um nicht zu sagen wiederholten) Ruf, seine Mission „mit der Bibel in der Hand“ fortzusetzen.

Der nahe Osten
Im Oktober 1958 veranstaltete La Pira in Florenz zusammen mit der Pariser Zeit­schrift „Etudes Mediterraneennes“ das sogenannte „Colloquio mediterraneo“, das sich die Versöhnung des Arabertums auf der einen Seite mit Israel und auf der anderen Seite mit dem europäischen Westen zum Ziel gesetzt hatte. Es erwies sich als überzeugende und einflussreiche intellektuelle Machtbasis für sein späteres besonders intensives Engagement zugunsten der neuen Ausgleichspolitik gegenüber Adressaten wie Golda Meir, Sadat, Assad, Hussein und Henry – A. Kissinger während dessen intensiver Pendeldiplomatie zwischen Tel Aviv, Kairo, Amman und vor allem Damaskus (März-Juni 1974).

La-Pira in Moskau
Im August 1959 besuchte La Pira Moskau und wurde eingeladen, hier ein ausserge­wöhnlicher Vorgang, vor dem damaligen Obersten Soviet seine Vorstellung zur Ent­spannung und Abrüstung darzulegen.

Bereits Anfang Januar 1960 trat La Pira eine Reise nach Nahost an, wobei er die glei­che Reiseroute verfolgte, die den Hl.Franz von Assisi im Jahre 1219 ins Heilige Land führte.

Im Februar 1961 zog La Pira wieder als Oberbürgermeister von Florenz – er wurde gern der ,,Syndaco santo“ genannt – in den Palazzo Vecchio ein. Unbeirrt setzte er seinen sozialen Kurs fort, der ein immer grösser werdendes Defizit in der Stadtkasse verursachte. In den folgenden Kommunalwahlen konnten die Kommunisten die Zahl ihrer Sitze im Stadtrat schließlich von 13 auf 22 erhöhen und zuletzt regierte La Pira mehr als ein Jahr mit der mittelbaren Unterstützung der KPI (Vorgänger des compro­messo storico). Dieser gewaltige Zugewinn der KPI ist vor allem auf den ständigen Dissens zwischen La Pira und der DC, sowie den Streit zwischen der DC und den So­zialisten zurückzuführen. Als die Parteien der linken Mitte Anfang 1965 von Rom aus eine feste Grenzziehung gegenüber der KPI als Bedingung für ein neues Mandat als Oberbürgermeister setz­ten, lehnte er diese Auflage ab.

Im März 1965 wurde La Pira abermals mit riesiger Mehrheit (Präferenzstimmen) in den Stadtrat von Florenz gewählt, als Oberbürgermeister jedoch abgewählt. Dafür wurde Lagorio (Sozialist) als sein Nachfolger mit Hilfe der Sozialdemokraten und der DC in den Sattel gehoben. Dennoch unverdrossen setzte er, wie er es nannte, ,,seine Mission“ fort.

Der Vietnamkrieg
Im gleichen Jahr, der Vietnamkrieg intensivierte sich sehr dramatisch, organisierte La Pira in Florenz das „Symposium für den Frieden in Vietnam“. Er reiste anschlies­send nach Hanoi und sprach mit Ho Chi-Minh. Hier geschah erneut ein ausserge­wöhnlicher Vorgang, weil zu diesem Zeitpunkt sämtliche diplomatische Kanäle zwi­schen Nordvietnam und den nichtkommunistischen Staaten verschlossen waren. Er kam nach diesem Gespräch mit einem konkreten Friedensplan zurück, der vor allem von der Johnson-Administration gänzlich vereitelt wurde(siehe Bericht von McNamara zum Vietnamkrieg).

Von 1973 bis 1975 führte La Pira unter anderem systematisch Gespräche mit allen Delegationen zwecks Vorbereitung des Abschlusses der KSZE in Helsinki.

Bei den Parlamentswahlen vom 20 Juni 1916 wurde er auf Drängen zahlreicher Per­sönlichkeiten sowohl in die römische Abgeordnetenkammer als auch in den Senat gewählt. Auch hier ein ungewöhnlicher Vorgang! Er optierte für das Montecitorio!

Der Mensch La-Pira
La Pira lebte persönlich äußerst bescheiden. Hier bleibt besonders anzumerken, dass er an einem kalten regnerischen Tag im Winter 55/56 auf seinem Weg zum Palazzo Vecchio einen Bettler erblickte, der offensichtlich unter der Kälte litt. Ganz spontan gab La Pira ihm seinen Mantel und setzte seinen Weg wie immer zu Fuss fort und betrat, selber arg durchnässt, sein Amtbüro. Er wurde deshalb auch oft der ,,Sankt Martin unserer Zeit“ genannt (Erich v. Bentheim, Treuhänder im römischen Schatzministerium von 1974 bis 1978).

Tod
Am 5. November 1977 ist La Pira im Alter von 73 Jahren in Florenz gestorben. Sein Tod gab Anlass, das Werk und Leben dieses ,,merkwürdigen“ Politikers, wie er an­derswo kaum denkbar ist, mehr als angemessen zu würdigen.

Seligsprechung
Am 9. Januar 1986 wurde in der Basilika von San Marco zu Florenz das Diözesangericht für den Seligsprechungsprozess feierlich eingesetzt.

(Herzlichen Dank an E. Koll y für die Bereitstellung des Textes und M. Ferrari für die Korrekturhinweise im Gästebuch)